Das blaue Band des Lebens.
Glasfenster von Angelika Weingardt
in der Kirche zu Hohen Luckow
(1995–2014)

Betritt der Besucher die Dorfkirche St. Nikolaus in Hohen Luckow
25 km südlich von Rostock, fällt sein Blick auf sieben Fenster,
die den strahlend blauen Himmel über Mecklenburg in das Innere leiten. Die Anfänge des Gotteshauses gehen bis ins frühe
14. Jahrhundert zurück. Von der barocken Umgestaltung kündet der hohe Kanzelaltar aus dem Jahr 1710. Sechzig Jahre später fügten die in Mecklenburg verwurzelten Herren von Bassewitz Orgelempore und Patronatsloge ein, ließen sie Blau, Gold und Weiß bemalen und machten damit den Raum zu einem Symbol des Himmlischen und der Ewigkeit. Das blaue Kolorit griff Angelika Weingardt auf und legte es wie ein Band um den Baukörper.

Angelika Weingardt wurde 1965 in Blaubeuren geboren und ist ausgebildete Glasmalerin. Sie studierte Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste (abk) Stuttgart und an der Bezalel School of Arts and Design Jerusalem in Israel. Seit 1998 beschäftigt sie sich mit profanen und sakralen Räumen. Neben zahlreichen Aufträgen und Wettbewerbsteilnahmen unterrichtet sie seit 2006 an der Glaswerkstatt der abk Stuttgart. Für ihre Arbeitsweise ist kennzeichnend, dass sie vorhandene Gestaltungselemente der Räume aufgreift, sie rücksichtsvoll bereichert und punktuelle Akzente setzt. So übernahm sie 2008 das Motiv der Weinranke aus den Gewölbekappen des gotischen Hochchores von St. Regiswindis in Lauffen, das sich nun in den Fenstern fortsetzt und ein Netz aus Malerei und Bleiverglasung bildet. Sie ließ sich dabei von mittelalterlichen Grisaillefenstern inspirieren.

Für die ehemalige Kirche in Hohen Luckow entwarf Angelika Weingardt in einer Zeichnung eine lineare Struktur, die voran schnellt oder sich verwirbelt, streckt oder verdichtet, hüpft und springt. Das streifenförmige Format ist fortsetzbar, wären da nicht separate farbige Akzente, die das Band gliedern. So sagt die Künstlerin über ihre 30 x 150 cm große »Blaue Zeichnung«:
»Sie kann als Lebenserzählung aufgefasst werden, bestehend aus unterschiedlichsten, ineinander verwobenen Wegen und Strängen, wechselnd zwischen Phasen von loser Verbundenheit und dichten, intensiven Zeiträumen, Folgen von heiterer, leichter Stimmung und Momenten von Leere und Stille. Jede Phase hat ihre spezifische Qualität, auch verdeutlicht durch die jeweils kräftigen Farbfelder am rechten unteren Fensterrand. Und es lassen sich diese verwobenen Linien als Metapher dafür verstehen, was zwischen den Menschen, den Dingen, dem Innen und Außen, dem Himmel und der Erde erstaunliche und eigentümliche Verbindungen bestehen.«

Die sieben Glasfenster zeigen einzelne Segmente dieser Zeichnung, die nun entsprechend der festgelegten Reihenfolge im Kirchenraum erscheinen. Dabei ist jedem eine Linienverdichtung zugeordnet. Angelika Weingardt nutzte für die Realisierung ihrer Idee eine spezielle Technik, die derzeit kaum andere Künstler anwenden. Sie wählte mundgeblasenes Glas, das mit einer zweiten blauen Schicht zu sogenanntem Überfangglas verbunden wird. Die Firma Lamberts in Oberpfalz ist in Deutschland die einzige Werkstatt und gehört weltweit zu den wenigen Herstellern mundgeblasenen Flachglases, die heute noch existieren. Die weitere handwerkliche Arbeit erfolgte bei Peters in Paderborn, einem Unternehmen, das auch die Montage in der Kirche übernahm. Die Künstlerin übertrug zunächst die Linienstruktur ihres Entwurfs mit einem Stück Wachs auf die farbige Glasseite. Bei der anschließenden Ätzung mit Flusssäure wurde die blaue Schicht an jenen Stellen entfernt, die nicht mit Wachs geschützt waren. So haben sich diese Bereiche erhalten und stellen sich als gezeichnete Striche auf der neutralen Fläche dar. Wenige Emailfarben setzen sodann sparsame Akzente.

Seit 1995 entstanden so schrittweise einzelne Fenster, die zu Höhepunkten im Kirchenjahr oder besonderen Anlässen gestiftet wurden. Auf den farbigen Rechtecken sind diese Begebenheiten benannt. Der Zyklus begann mit einer Hochzeit, der 2010 eine Taufe und das 700-jährige Bestehen der Kirche folgten. Zwei weitere Arbeiten zu Advent und Ewigkeitssonntag als Beginn und Ende des Kirchenjahres setzten 2011 die Reihe fort, ehe es 2012 möglich wurde, das sechste Fenster zum Erntedankgottesdienst einzuweihen. Das Oster- und Patronatsfenster bildet 2014 den Abschluss. Damit ist das Werk von Angelika Weingardt in seiner Geschlossenheit und Gänze erlebbar. Die Fenster treten in ein Zwiegespräch mit dem Kirchenraum und dessen Geschichte.

Der Künstlerin ist es wichtig, dass sich durch das Glas Innen und Außen verbindet und die Räume auf diese Weise miteinander kommunizieren. In der christlichen Religion galten seit jeher farbige Glasfenster als göttliche Boten. Je nach Tageszeit und Wetter fällt das Licht in den Kirchenraum und verbreitet lebhafte Effekte auf dem Boden, Wänden und Interieur. So scheint im Herbst zum vormittäglichen Gottesdienst die Sonne durch das Erntedankfenster in den Altarraum. Die Glasbearbeitung lässt viel Helligkeit in die Kirche hinein, verhindert aber zugleich den direkten Blick nach außen, so dass ein geschützter Ort der Andacht entsteht.

www.angelikaweingardt.com





Startseite
Gestern und Heute
Kirche
Kirchenfenster
Publikationen
Terrinensammlung
Kunstausstellungen

Veranstaltungen
‹bernachtung
Trauung Standesamt
Galadinner
Park

Landwirtschaft
Hofplan
Windpark
Kontakt

Impressum 
 Partner

kirchenfenster
hochzeitsfenster
Hochzeitsfenster
hochzeitsfenster
Erntedankfenster